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  Mondnacht

  Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküßt,
  dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müßt.

  Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht,
  es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.

  Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus,
  flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.

  Joseph von Eichendorff

  Der letzte Punkt....


Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
Und ist nichts in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.

Theodor Fontane


  Blaue Hortensie

  So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
  sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
  hinter den Blütendolden, die ein Blau
  nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. 

  Sie spiegeln es verweint und ungenau,
  als wollten sie es wiederum verlieren,
  und wie in alten blauen Briefpapieren
  ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; 

  Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
  Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
  wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze. 

  Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
  in einer von den Dolden, und man sieht
  ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen. 
 
  Rainer Maria Rilke


  Herbsttag

  Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
  Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
  und auf den Fluren laß die Winde los. 

  Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
  gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
  dränge sie zur Vollendung hin und jage
  die letzte Süße in den schweren Wein. 

  Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
  Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
  wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
  und wird in den Alleen hin und her
  unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
 
  Rainer Maria Rilke


Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
Friedrich Hebbel


   Stufen...


  Im Nebel...




Der Rose süßer Duft genügt,

Man braucht sie nicht zu brechen -

Und wer sich mit dem Duft begnügt,

Den wird ihr Dorn nicht stechen.

 

Friedrich von Bodenstedt


Alte Rose
Eine Rosenknospe war
Sie, für die mein Herze glühte;
Doch sie wuchs, und wunderbar
Schoß sie auf in voller Blüte.
Ward die schönste Ros im Land,
Und ich wollt die Rose brechen,
Doch sie wußte mich pikant
Mit den Dornen fortzustechen. 

Jetzt, wo sie verwelkt, zerfetzt
Und verklatscht von Wind und Regen -
Liebster Heinrich bin ich jetzt,
Liebend kommt sie mir entgegen. 

Heinrich hinten, Heinrich vorn,
Klingt es jetzt mit süßen Tönen;
Sticht mich jetzt etwa ein Dorn,
Ist es an dem Kinn der Schönen. 

Allzu hart die Borsten sind,
Die des Kinnes Wärzchen zieren -
Geh ins Kloster, liebes Kind,
Oder lasse dich rasieren. 
Heinrich Heine 




Mohnblumen


Mit roten Feldmohnblumen
Hatt’ ich dein Haar geschmückt,
Die roten Blumenblätter
Die sind nun alle zerdrückt.
Du bist zu mir gekommen
Beim Abendsonnenschein,
Und als die Nacht hereinbrach,
Da ließest du mich allein. 

Ich höre die Stille rauschen
Und sehe die Dunkelheit sprühn,
Vor meinen träumenden Augen
Purpurne Mohnblumen blühn. 

 
Hermann Löns


Die Lilie blüht…
Die Lilie blüht, ich bin die fromme Biene,
Die in der Blätter keuschen Busen sinkt,
Und süßen Tau und milden Honig trinkt,
Doch lebt ihr Glanz, und bleibet ewig grüne
So ist dann selig mein Gemüt
Weil meine Lilie blüht!

Die Lilie blüht, Gott, laß den Schein verziehn,
Damit die Zeit des Sommers langsam geht,
Und weder Frost noch andre Not entsteht,
So wird mein Glück in dieser Lilie blühn,
So klingt mein süßes Freudenlied:
Ach, meine Lilie blüht!  

Clemens von Brentano





Ein Mühlstein

und

ein Menschenherz

wird stets herumgetrieben.

Wo beides nichts zu reiben hat,

wird beides selbst zerrieben.

(Friedrich Frhr.v. Logau)



Die Tulpe

Andre mögen andre loben,
Mir behagt dein reich Gewand,
Durch sein eigen Lied erhoben
Pflückt dich eines Dichters Hand. 

In des Regenbogens sieben
Farben wardst du eingeweiht,
Und wir sehen, was wir lieben,
An dir zu derselben Zeit. 

Als mit ihrem Zauberstabe
Flora dich entstehen ließ,
Einte sie des Duftes Gabe
Deinem hellen, bunten Vlies. 

Doch die Blumen all, die frohen,
Standen nun voll Kummers da,
Als die Erde deinen hohen
Doppelzauber werden sah. 

"Göttin! o zerstör uns wieder,
Denn wer blickt uns nur noch an?"
Sprach's die Rose, sprach's der Flieder,
Sprach's der niedre Thymian.
Flora kam, um auszusaugen
Deinen Blättern ihren Duft:
"Du erfreust", sie sagt's, "die Augen,
Sie erfreun die trunkne Luft".

August Graf von Platen (1796-1835)


Die Fuge
Gott schuf das Holz, mal hart, mal weich.
Doch eins, sprach er, ist immer gleich.
Es wird nie rasten und nie ruh´n,
wird arbeiten und immer etwas tun.

Und so gab er dem Holz die Zellen,
nun konnt´ es schwinden und auch quellen.
Doch als es schwand, wurd´s plötzlich klar,
da war ein Stück - wo nichts mehr war.

Und so sprach der Herr, der Kluge:
"Mein liebes Holz, das ist die Fuge.
Trag sie mit Achtung und mit Stolz,
an ihr erkennt man dich als Holz."

Auch Fugen sind ein Stück Natur,
Begreif´ das, Mensch - sei nicht so stur.